Sonntag, 25. Juli 2021

In Haaren hat de Boen de Oen verfroren

Aus Westfälisches Volksblatt v. Fr. 23.7.2021

Wenn das Mäken auf dem Guul sitzt

Von Dietmar Kemper

PADERBORN (WV). .,Höpper" nannten die Paderborner den Frosch, .,Mäken" ein Mädchen. Und wenn es im Winter eiskalt war und sich die Bauern die Ohren warm­rieben, sagte man in Haaren: „In Haaren hat de Boen de Oen verfroren", während es im nicht weit entfernten Leiberg hieß: .Jn Leiberch hat de Buen de Uen verfru­en",

Die Beispiele zeigen: Das paderbörnische Platt wirkt wie aus der Zeit gefallen und konnte sogar von Dorf zu Dorf unterschiedlich sein. Wie unsere Vorfahren gesprochen haben, be­schreiben Doris Tophinke, Nadine WaJlmeier und Ma­rie-Luis Merten in dem Buch .Das paderbörnische Platt:

Niederdeutsch im Gebiet der Kreise Paderborn und Höxter". Es ist im Aschen­dorff-Verlag in Münster als dritter Band der Reihe zu westfälischen Mundarten erschienen. Doris Tophinke ist Professorin für Allgemei­ne und germanistische

Sprachwissenschaft an der Universität Paderborn und erforscht das Niederdeut­sche in Geschichte und Gegenwart. Die Germanistin Nadine Wallmeier arbeitet als Wissenschaftliche Mit­arbeiterin im Projekt „Dia­lektatlas Mittleres West­deutschland (DMW)" mit, in dem die Universitäten Pa­derborn, Bonn, Münster und Siegen Dialekte in NRW, Niedersachsen und Rhein­land-Pfalz lokalisieren und auswerten. Marie-Luis Mer­ten wiederum befasste sich in Paderborn bis zu ihrem Ruf an die Universität Zü­rich mit der Grammatik des Niederdeutschen.

Aber warum lohnt sich die Beschäftigung mit dem Platt- oder Niederdeutschen überhaupt noch, wenn kaum noch jemand es praktiziert und versteht? .Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurden auch im Paderborner Raum nur Niederdeutsch oder La­tein gesprochen und ge­schrieben, das war nicht nur die Sprache der Bauern", be­tont Doris Tophinke. Ausge­hend von den Städten sei

dann ab dem 17. Jahrhundert nicht mehr niederdeutsch geschrieben worden, und nach 1945 habe man auch weitgehend aufgehört, es zu sprechen und an die Kinder weiterzugeben. Tophinke: „Plattdeutsch wurde stark abgewertet. Eltern hatten die Sorge, dass die Kinder in der Schule ein Problem be-

kommen, wenn sie zuhause nur Platt sprechen."

Noch beherrschen ältere Menschen das paderbörni­sche Platt. .,In Elsen, Osten­land oder Leiberg gibt es noch viele Plattsprecher in der Generation 60-plus", weiß Nadine Wallmeier. Für den Dialektatlas Mittleres Westdeutschland hat sie seit Ende 2016 bereits 200 Per­sonen befragt - zum Bei-

spiel dazu, wie sie auf platt­deutsch eine Katze oder Pfanne nennen, ob es sprachliche Unterschiede im Nachbardorf gibt und mit wem sie sich noch in dem Dialekt unterhalten. Die interviewten Menschen sol­len auch Sätze übersetzen wie „Der gute alte Mann ist mit dem Pferd durchs Eis gebrochen und ins kalte Wasser gefallen". Sie stam­men von dem Sprachwis­senschaftler Georg Wenker aus dem 19. Jahrhundert und dienen noch immer als Grundlage für die Recherche über deutsche Dialekte und Dialektgrenzen.

Was ist das Eigentümliche am paderbörnischen Platt? .Die niederdeutschen Dia­lekte unterscheiden sich nicht so sehr bei den Konso­nanten, der Unterschied liegt im Vokalismus", ant­wortet Doris Tophinke. Im paderbörnischen Platt gebe es viele Zwielaute, also zwei Selbstlaute hintereinander. Als Beispiel dafür nennt Na­dine Wallmeier „Guul" oder „Giul" für Pferd. Hier folgen zwei Vokale aufeinander -

so wie in „Hius" für Haus.

Neben dem paderbörni­schen Platt gibt es das Pa­derbörnsch, was nicht das­selbe ist. Beim Versuch der Paderborner Stadtgesell­schaft, im 18. Jahrhundert Hochdeutsch zu sprechen, sei viel Plattdeutsch einge­flossen und diese Mischung bezeichne man als Pader­börnsch, erläutert Doris Tophinke und nennt „chanz chut" als Beispiel dafür.

Tophinke (57) und Wall­meier (45) fänden es schade, wenn das Plattdeutsche aussterben würde. Denn dann würden schöne Wörter wie „betuppen" für betrü­gen, .Katte" für Katze oder „Mulwurp" für Maulwurf mit verlorengehen. Übri­gens ist auch „Paderborn" plattdeutsch und bezeichnet die Quelle der Pader.

Das Buch „Das paderbör­nische Platt: Niederdeutsch im Gebiet der Kreise Pader­born und Höxter" ist im Aschendorff-Verlag erschie­nen, hat gut 100 Seiten, die ISBN-Nummer 978-3-402- 14346-9 und kostet 9,95 Euro.

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